Für den Durchschnittsgöttinger, bekleidet mit Northface- Jacke und pyjamaähnlicher Hose, muss es eine unvorstellbare Sache sein, dass fast täglich mit übergroßem Objektiv auf Kleidungsstücke zielen oder gar vor ihren Ganzkörperspiegel treten, um die modische Kombination des Tages abzulichten. Diese findet sich meist wenige Stunden später im Internet und wartet auf Kommentare. Böse Zungen behaupten, dass hübsche Mädchen oder jene, die sich dafür halten, so auf günstigem Wege ihr Ego polieren. Wer sich jedoch einmal testweise im Bloggen versucht hat, weiß, dass mittelmäßiger Narzissmus nicht genug der Motivation ist, um länger als ein paar Tage bei der Sache zu bleiben. Trotzdem sprießen Modeblogs oder sogenannte Stylediaries derzeitig quasi aus dem Boden. Nachdem auch deutsche Blogger wie Les Mads oder Styleclicker es ins Publikum internationaler Modenschauen geschafft haben, gibt es kein Halten mehr. Exponentiell zur Anzahl der Blogs steigt schließlich auch die der Leser.
„Ich denke, dass Modeblogs immer mehr Einfluß auf das Modegefühl gewinnen, als zum Beispiel Magazine. In Blogs sieht man „reale“ Personen und keine durch Photoshop präparierten, makellosen Models. Ich glaube, dadurch wird Mode schlicht „greifbarer“.“, meint Bloggerin Vio aus Duisburg. Sie versucht, wie inzwischen viele Bloggerinnen, nicht primär Informationen über aktuelle Kollektionen wiederzugeben, sondern fernab der Laufstege zu zeigen, was ihr gefällt und sie inspiriert: “Ich möchte durch meine Beiträge und auch Outfits zeigen, dass man nicht einfach stumpf jedem Trend nachlaufen sollte, sondern lieber seinen eigenen Stil definiert und stärkt.“ Vorwürfe zur übermäßigen Selbstdarstellung sieht sie gelassen. Auch Bloggette Anna lacht: „Oh Gott, eigentlich hab ich gar nicht das Gefühl, meine Person übermäßig zu produzieren. Es gibt schon so einige Kollegen, die es immer mal wieder übertreiben. Jedoch find ich das auch nicht schlimm, wenn man es auf einer witzigen, künstlerischen, interessanten Ebene basiert.“ Vanessa, die ihrem Blog „Pandafuck“ nach über 600.000 Klicks eine neue Seite gönnte, fügt hinzu: „Man macht es sich eindeutig zu leicht, wenn man das auf alle Blogger überträgt und sich nicht auch selbst an die Nase fasst. Ob ich mich jetzt bei Facebook, Studivz oder über einen Blog profiliere, das macht nur insofern einen Unterschied, als dass die Anzahl der Leser vielleicht variiert.“
Man mag das in Anbetracht der Tatsache, dass diese Mädchen sich und ihr Gesicht unaufgefordert und unentgeltlich der Welt präsentieren, unreflektiert finden oder auch blauäugig. Gerade Menschen, die sich an der Supermarktkasse über die Socken-in-Sandalen des Vordermanns aufregen, sollten aber das Potential bedenken, welches hier gar nicht so versteckt liegt.
Dass Deutschland nicht gerade als Trendschmiede gilt, ist leider bekannt. Die Universalstadt der Hipness Berlin hat aber gezeigt, dass das nicht so bleiben muss. Das findet auch Anna: „Berlin eine sehr coole Stadt und definitiv einzigartig. Ich denke jedoch, dass da so Einiges mehr gehen wird in Zukunft. Das war erst der Anfang. Deutschland hat auf jeden Fall ne Menge Style im Blut, aber irgendwie kommen wir nicht ausm Potte.“ Vielleicht haben bald mehr junge Deutsche den Mut und auch das Interesse daran, ihre Fleecejacke im Schrank zu lassen und sich modisch ein bisschen was trauen, ganz unverkrampft und jenseits des Internet. Denn, wie Bloggerin Sarah sagt: „Es gibt da schließlich noch ein richtiges, spannenderes Leben, abseits von meinem Computer.
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